Über die Zukunft von Kulturen

Die Kulturen der Welt faszinieren mich schon seit vielen Jahren und diese Faszination war auch eines der Gründe, warum ich mich für das Auslandsjahr in Ecuador entschieden habe.

Wenn man in Deutschland an ‘fremde Kulturen‘ in Süd- oder Lateinamerika denkt, dann hat man meist recht ‘exotische‘ Assoziationen von Regenwald-Kulturen oder von an der Küste tanzenden Menschen vor Augen. Die Realität sieht oftmals anders aus, insofern, dass heutzutage fast alle Länder dieser Welt grundlegende verwestliche oder vom Westen-beeinflusste Kulturen sind und ich mich daher in Quito manchmal mehr wie in Europa gefühlt habe, als in einigen Ecken Deutschlands.

Es gibt Leute die ihr ganzes Leben Kulturen studieren und sich noch immer nicht auf eine universell gültige Definition des Wortes „Kultur“ einigen können. Meine persönliche Definition dieses Wortes ist adoptiert von einem Kieler Professor, welcher Kulturen vor allem durch deren geographische Lage definiert. Demnach ist eine Kultur eine Gruppe von Menschen, die, aufgrund von ihrer Lage (im Hochland, im Regenwald, am Strand oder in der Wüste) gewisse Merkmale miteinander teilen. Diese Merkmale schließen sehr viele Sachen ein z. B. Kleidung (z. B. warme Kleidung im Hochland), Speisen (je nachdem, was man wo findet), eine eigene Sprache oder einen Akzent, oftmals eine gewisse Religion oder Weltansicht, Werte und Regeln, Rituale, Verhaltensweisen, Architektur, Kunst um nur einige Sachen zu erwähnen.

Während meines Jahres in Ecuador bin ich Vertretern einiger Kulturen begegnet, welche mich oftmals sehr zum Nachdenken angeregt haben. Ecuador hat mit etwa 18 indigene Kulturen, also Kulturen, die schon vor dem Eintreffen der Spanier hier waren, eine relativ hoch Diversität an Kulturen für südamerikanische Länder. Im Vergleich dazu hat Argentinien fast gar keine Kulturen mehr, da diese fast ausnahmslos im Zuge der spanischen Kolonialisierung ermordet wurden. Auch in Ecuador, wie im gesamten Rest Südamerikas sind während der Zeit der Kolonialisierung unglaublich viele Menschen umgekommen und Kulturen wurden ausgelöscht.

Obwohl Ecuador allerdings immer noch diese 18 verschiedene Kulturen besitzt, war mein tägliches Leben in Quito meiner Meinung nach weniger „kulturell“ geprägt. Selbstverständlich ist die Ecuadorianische Kultur in einigen Punkten anders als die deutsche Kultur. Allerdings ist Quito, im Vergleich zu dem Rest Ecuadors recht europäisch geprägt. So habe ich in Quito eine recht ausgeprägte Neigung zur Kultur der USA gemerkt. Das bezieht sich hauptsächlich auf die Konsumkultur in der viele westliche Produkte relativ stark präferiert werden oder fast ausschließlich konsumiert werden. Dem sog. „Lifestyle“ der US-Amerikaner wird in Quito von vielen Ecuadorianern hinterhergelaufen, welches das Produkt der allumfassenden Werbeindustrie sein könnte. So dominieren Marken wie Coca-Cola und Nescafé den Abendbrottisch, Nivea Produkte repräsentieren das Ideal der Schönheit und Klamotten-Marken wie Lacoste werden vermehrt getragen und gekauft, wenn man nötige Geld dazu hat.

Je mehr man dann in die Ländereien außerhalb Quito’s geht, desto mehr sieht man Menschen anderer Kulturen, beispielsweise der sog. Kichwa-Kultur. Insbesondere in der Stadt Otavalo gibt es noch sehr viele Vertreter dieser Hochlandkultur, in der vor allem die Frauen durch ihre farbenprächtigen Gewänder auffallen. Diese sind meist in müheseliger Kleinstarbeit über Wochen und Monate hinweg per Hand angefertigt. Die Farben und Farbkombinationen unterscheiden sich von Dorf zu Dorf etwas voneinander, wobei die Form des Kleides beibehalten wird.

Seit der Kolonialisierung Amerikas sind indigene Kulturen auf der ganzen Welt stark zurückgegangen. So stirbt selbst heute noch alle zwei Wochen eine Kultur der Welt aus. Die Rate dieses Aussterbens von Kulturen ist heruntergegangen, aber nicht, weil wir wirklich weniger zerstören, sondern weil wir die meisten Kulturen bereits ausgerottet haben und heute nur noch einige wenige tausend Kulturen vorhanden sind.

So ist der Einfluss der westlichen Kultur, wahrscheinlich durch den globalisierten Kapitalismus in fast jedem Teil Ecuadors zu spüren. Ähnlich wie in Deutschland und dem Rest der Welt werden auch hier Kleinbauern dazu gezwungen ihre Ländereien mit Monokulturen zu bestellen und damit ihrer seit Generationen gepflegten Bebauungsstrategien aufzugeben. Dies dämmt nicht nur die Vielfalt der Insekten, Vögel und Tiere ein, sondern auch wichtige Charakteristika einer Kultur.

Während meines Aufenthalts in Ecuador kann ich mich vor allem an die schmerzlichen Erfahrungen mit der Huaorani-Kultur im Amazonas-Gebiet, im Osten Ecuador, erinnern. Hier haben die großen Erdöl-Unternehmen (z. B. Petroamazonas) den Menschen dieser Kultur ihre Lebensgrundlage, also die Wälder enteignet und verpesten diese nun mit Erdöl, welches durch Lecks über die Flüsse in die ganzen Wälder gelangt. Im Gegenzug bekamen die Huaorani, die „Vorteile des Westens“ aufgedrängt. So leben viele dieser Gemeinschaften heutzutage mit Geld, von dem sie sich zum Beispiel Alkohol kaufen können, mit Computern, mit denen sie nichts anfangen können, oder Büchern (wie z. B. „Psycholinguistics“ von Saporta), die sie sowieso nicht lesen, da sie weder Englisch sprechen und zudem andere Präferenzen haben.

Psycholinguistics
So wie versprochen: Gespendete Bücher (hauptsächlich auf Englisch) für eine Regelwald-Kultur die mal richtig Spanisch spricht.

Das Einzige was diese Kulturen wahrscheinlich gebrauchen könnten, sind Medikamente, obwohl es dafür in den Regenwäldern auch verschiedene Alternativen geben würde. Einige Gemeinschaften passen sich dann an und werden zu „Tourismus-Kulturen“, wo sich die Menschen dann einmal in der Woche so anmalen, als wäre alles in Ordnung und gaukeln den gut-zahlenden Touristen eine heile Welt vor. In der Gemeinschaft der Huarani, die ich besuchte, haben sich die Menschen kaum noch diese Mühe gemacht, da es ihr tägliches Lebens nicht (mehr) repräsentiert. In diesen Dörfchen gibt es heutzutage andere Probleme wie Alkoholismus, Perspektivlosigkeit und der kompletten Abhängigkeit von anderen, welche zu einem langsamen Zerfall der Gemeinschaft führt.

Solche Begegnungen haben mich während meinem gesamten Aufenthalts in Ecuador stehts betrübt, da sich deren Verhältnisse wahrscheinlich nie ändern werden. Man wird erst merken, wie sehr uns diese Pluralität bereichert, wenn es nur noch eine Kultur auf der Erde gibt, wozu es hoffentlich niemals kommen wird. Die Kolonialisierungsverhältnisse in der Welt haben sich noch immer nicht geändert. Wir haben Menschen mit dunkleren Hautfarben und nicht-europäischen Aussehen in der ganzen Welt eingeredet, sie seien weniger wert. Und dieses Denken zieht sich bis in die heutige Gesellschaft. Selbst meine erste Gastfamilie hat eine VerkäuferInnen der Kichwa-Kultur mit „du“ angesprochen, um sie zu denunzieren und einen billigeren Preis für eine Decke herauszuschlagen. Und das Bedürfnis vieler Ecuadorianer in den USA oder wie in den USA leben zu wollen, ist auch nur Produkt dieser Kolonialisierungsverhältnisse.

Man kann sich gar nicht ausmalen, was Menschen auf der ganzen Welt für den Luxus denn wir in Deutschland haben, tun würden. Mit Luxus meine ich nicht viel Geld, Autos und eine gute Arbeit. Selbst das Leben eines Hartz4-Empfängers wäre bereits ein Luxus-Zustand. Einfach die Möglichkeit zu haben, jeden Tag alles machen zu können, was man machen möchte, dafür würde einige Menschen einfach alles hinter sich lassen. Und da braucht man sich über die heutigen Flüchtlingsströme auch nicht wundern.

Uns, Menschen der westlichen Welt fällt es relativ leicht, diese Missstände zu erkennen, allerdings handeln nur sehr wenige dagegen, da wir alle von dieser Ungerechtigkeit profitieren. Deutschland hat zum Beispiel ein Präferenzhandelsabkommen mit Ecuador. So erheben Deutschland und Ecuador weniger Zölle um den Handel (Import und Export) zwischen den beiden Ländern zu „erleichtern“. Zu den Ziele dieser Handelsabkommen soll die Unterstützung der Entwicklungsländer im Vordergrund stehen, allerdings profitieren wir von billigeren Produkten wie Bananen, Schokolade und Kaffee, während Bauern auf der anderen Seite der Welt jeden Cent dreimal umdrehen müssen.

Für mich persönlich hat der Verlust einer Kultur immer einen direkten Einfluss auf das Wissen dieser Welt. Wir wissen alle, dass das Wissen auf dieser Welt begrenzt ist. Aber eine andere Kultur mit einer anderen Sprache hat eine damit-verbundene andere Sichtweise auf verschiedene Dinge. Dadurch das es in anderen Sprachen andere Wörter gibt, gibt es auch andere Assoziationen. Das Feld der Psycholinguistik (wie das Buch oben) beschäftigt sich genau mit diesem Zusammenhang. Denn neues Wissen über unbekannte Sachverhalte wird meist durch die Betrachtung von bekannten Sachverhalten aus ungewöhnlichen Sichtweisen generiert. So haben die ersten Astrologen das Universum ausschließlich mit normalen Teleskopen beobachtet. Erst nach der Verwendungen anderer Messobjekte, wie Infrarot- oder Röntgenstrahlen konnte weiter ins Weltall geschaut werden und neue Galaxien gefunden werden.

Wir (Deutschland und der globale Westen) sind die Gewinner der Globalisierung. Wir reden Leuten in der ganzen Welt ein, dass die Globalisierung eine gute Sache sei und dass das in allen Länder zu Reichtum führt. Was ich in Ecuador gesehen habe, war größtenteils nicht der Fall. So wie überall produziert der globalisierte Konkurrenz mehr Verlierer, als Gewinner. Aber wenn die Verlierer verlieren so verlieren wir alle, an Wissen, an Kulturen, an unserer Umwelt und an Vielfältigkeit.

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